Blick auf den Schädel des Ursus Speleus
Hoch oben in Alta Badia

Gönn dir eine erholsame Pause
an sportlich aktiven Tagen:

Berg- und Schutzhütten in Alta Badia

Das Evolutionsniveau der Höhlenbären

Der Ablauf und die Geschwindigkeit der Evolution lassen sich, wie wir oben gezeigt haben, am besten am Gebiss und hier besonders an der Zahl und Gestalt der Vormahlzähne (Prämolaren) ablesen.
Ein nun abgeschlossenes Forschungsprojekt, das unter dem Titel "Evolution und Chronologie des Höhlenbären" vom "Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich" finanziert wurde, hat eine ausreichende Menge von paläontologischen und physikalischen Ergebnissen gebracht, so dass der Verlauf der Höhlenbärenevolution gut bekannt ist.

Im Diagramm (Abb. 27) ist die Evolution der Oberkiefer-P4 gegen die Evolution der Unterkiefer-P4 aufgetragen. Absolute Alterswerte der Uran-Serien- und der Radiokarbon-Methode sind bei einigen Höhlenbären-Fundstellen eingetragen; sie lassen die Geschwindigkeit der Evolution erkennen, so dass auch vom Evolutionsniveau auf das geologische Alter beschlossen werden kann.

Eine rasche (und daher noch provisorische) Analyse der Gebissreste des Conturinesbären hat ergeben:
1. Etwa ein Viertel der Oberkiefer hatten noch einen P3, d.h., vor dem großen Vormahlzahn P4 gab es noch einen kleinen knopfartigen Zahn, der bei geologisch jungen Höhlenbären fehlt. Das relativ häufige Auftreten dieses Primitivmerkmals spricht für ein relativ niedriges Evolutionsniveau.

2. Unter den Morphotypen des Oberkiefer-P4 dominieren die Formen A/B, B1, und B/D mit zusammen über 50 Prozent, aber auch die "modernen" Typen B/D, D und C scheinen mit beachtlicher Häufigkeit auf, während der für mittelpleistozänen Höhlenbären charakteristische Morphotyp A nur knapp 12 Prozent erreicht. Damit scheidet ein mittelpleistozänes Alter aus.

3. Überraschenderweise ist das Evolutionsniveau der Unterkiefer-P4 noch wesentlich höher. Die ursprünglichen Morphotypen A und B1 fehlen völlig! Es dominiert der dreihöckerige Typ C1, daneben gibt es keine beträchtliche Menge an hochentwickelten Formen wie D1/", D2 und sogar C3, d.h. sogar fünfhöckerige Exemplare.

Das Diagramm Abb. 27 zeigt die bisher im Projekt "Evolution und Chronologie der Höhlenbären" erzielten Daten über Evolutionshöhe und absolutes Alter.
Im Vergleich zu den Tiefland-Höhlenbären, die sich im Gebiss offensichtlich schneller weiterentwickelten als die Hochgebirgsbären (zumindest in den Nördlichen Kalkalpen ist das so), nehmen die Zähne aus der Conturineshöhle eine mittlere Stellung ein, die für ein frühes oder mittleres Stadium der Würm-Zeit spricht.
Die Entwicklungshöhen der Conturinesbären entsprechen den Evolutionsstadien der jüngeren Schichten in der Herdengelhöhle in Niederösterreich, die vorläufig mit "jünger als 66.000 Jahre" datiert wurden. Die Conturinesbären sind aber viel kleiner als die Höhlenbären aus Niederösterreich, ja auch kleiner als alle anderen hochalpinen Höhlenbären, von denen die Bären der Rameschhöhle im Evolutionsniveau den Dolomitenbären am nächsten kommen. Die Rameschbären stammen aber unzweifelhaft fast zur Gänze aus der Mittelwürm-Warmzeit zwischen 65.000 und 30.000 Jahren vor heute.
Sollte sich herausstellen, dass die Conturineshöhle zur gleichen Zeit wie die Ramesch-Knochenhöhle von hochalpinen Höhlenbären bewohnt worden ist, käme das einer Sensation gleich. Die mittelwürm-zeitliche Warmzeit "Ramesch-Interglazial" wäre aufs glänzendste bestätigt - ganz im Widerspruch zu der Meinung fast aller Quartärgeologen und Eiszeitforscher, die dieser Zeit nun ein oder zwei kleine Wärmeschwankungen (Interstadiale) zugestehen.

Die Höhlenbären der Conturines

In diesem Diagramm werden die Evolutionshöhen der Oberkiefer-P4 (Abszisse) und der Unterkiefer-P4 (Ordinate) gegenübergestellt. Für die meisten Höhlenbären-Fundstellen wurden die Mittelwerte der morphodynamischen Indices errechnet, so dass jeder Punkt den Mittelwert eines mehr oder längeren Verlaufes der Evolution markiert. Nur in wenigen Höhlen konnten verschieden alte Fundschichten mit genügend großem Höhlenbärenzahnmaterial unterschieden werden (Vindija in Kroatien, Zoolithenhöhle in Oberfranken).
Am besten bearbeitet ist das Profil der Herdengelhöhle in Niederösterreich: fünf verschiedene Evolutionsniveaus lieferten statistisch aussagekräftige Mengen an Zähnen.
Die Evolution der beiden P4 verlief in einer schwach ausgeprägten S-Kurve von links unten nach rechts oben. Die eingetragenen absoluten Alter in ka (= 1000 Jahre) zeigen die Richtung und die Evolutionsgeschwindigkeit.
Abkürzungen: Brieglersb. = Brieglersberghöhle im Toten Gebirge; Cert. = Certova dira, Nordmähren; DL = Drachenloch bei Fättis; FL = Frauenloch bei Semriach, Steiermark; Hst. = Hohlenstein im Lonetal, Schwäbische Alb; Ph = Pod hradem, Mähren; SL = Schusterlucke, Niederösterreich; Sy = Sibyllenhöhle, Schwäbische Alb; Zool. GL und Zool. Sp. = Zoolithenhöhle, Guloloch bzw. Spalte, Franken.
Höhlenbär des Tieflandes, hochalpine Höhlenbären, Höhlenbären aus chronologisch auswertbaren Schichtfolgen.