Blick auf den Schädel des Ursus Speleus
Hoch oben in Alta Badia

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Berg- und Schutzhütten in Alta Badia

Ein Grabungstag

Die Höhlenbären der Conturines

Grabungssituation in der Schädelhalle.

Oft fragt mich jemand, ob eine hochalpine Höhlengrabung romantisch und abenteuerlich sei. Sicher trifft dies zu. Mit "romantisch" kann man wohl jene geheimnisvolle Dunkelheit und Stille umschreiben, die besonders in großen Höhlen den Besucher beeindruckt. Bei einer Grabung kommt die lockende Ungewissheit nach überraschenden Funden dazu. Auch "abenteuerlich" ist eine derartige Aktion zweifellos, freilich bestehen die Abenteuer nicht im Überleben von entsetzlichen Entbehrungen und Gefahren. Wissenschaftliche Abenteuer sind meist vom Ausharren in monotonen und frustrierenden Tätigkeiten geprägt. Ein Grabungstag ist wie der andere. Sensationelle Funde, die den Grabungsalltag auflockern, sin natürlich selten, sonst wären sie ja keine Sensationen. In einer so hoch gelegenen Grabungsstelle kommt die Kälte dazu, die es zu ertragen gilt: +0,5 bis +1 °C am Aussuchtisch!
Die Schilderung eines Grabungstages charakterisiert daher die insgesamt sechs Wochen Grabung.

Die Höhlenbären der Conturines

Lage der verschiedenen Grabungsstellen.

7 Uhr morgens. Ein schöner Tagesbeginn lässt sich an den Sonnenflecken auf meinem Zelt erkennen. Die Sonne geht über den Ciampestrinspitzen auf und beleuchtet im spitzen Winkel die Eingangshalle. Geschirrklappern sagt mir, dass einer der Frühaufsteher (eine Rarität bei Höhlenforschern) sich schon um unser Frühstück kümmert. Nun muss auch ich aus dem warmen Schlafsack und versuchen, die restliche Mannschaft aus der Biwakhütte zu locken. Ein gemütliches Frühstück in der Sonne vor der Höhle erweckt auch die ärgsten Murmeltiere.
9 Uhr. Die täglichen Vorbereitungen sind getroffen. Die Karbidlampen, die wir für den Fall einer Stromstörung immer mittragen, sind gefüllt. Alle haben mehrere Pullover übergestreift und sich schließlich in den "Schlaz" (= Abkürzung für Schliefanzug), einen Kunststoffoverall, gezwängt, der uns vor Schmutz, Nässe und Kälte schützen soll. Seit zehn Minuten läuft sich tuckernd das Dieselaggregat warm, nun wird es auf volle Kraft gedreht. Helm aufsetzen, Handschuhe anziehen, Rucksack nicht vergessen. Betont langsam steigen wir bergan. Nur der Neuling hastet empor und kommt wegen der dicken Kleidung ins Schwitzen, noch bevor es das Ziel erreicht. Stundenlanges Frieren kann dann die Folge sein.

Die Höhlenbären der Conturines

Grabung in der Schädelhalle.

9.30 Uhr. Wir haben die Grabungsstelle erreicht. Mehrere Halogenscheinwerfer beleuchten die Schädelhalle - besonders das Grabungsfeld, den Aussuchtisch und die Schlämmstelle. Arbeitsteilung ist notwendig. Die beliebteste, weil interessante Tätigkeit ist das Graben selbst. Sie kann aber nur von ein bis zwei Personen ausgeübt werden, weil die wesentlich zeitaufwendigere Arbeit des Aussuchens vier bis fünf Personen verlangt, zwei schlämmen das gegrabene Feinmaterial und bringen das Schlämmgut zum Aussuchtisch. Eine Person ist mit Hilfsdiensten wie Wasserholen von der oberen Tropfstelle beschäftigt.

12.30 Uhr. Mittagspause. Der Weg hinaus zum Biwak ist dank der gespannten Seile kurzweilig, es ist mehr ein Rutschen auf den glatten Sinterplatten. Der grelle Sonnenschein blendet uns, auch wenn der wandernde Schatten unseren Höhleneingang schon erreicht hat. Im zweiten Grabungsjahr haben wir uns einen Tisch zum Hubschrauberlandeplatz hinuntergestellt, damit wir noch zu Mittag in den Genuss der wärmenden Sonne kommen.
Das Mittagsmahl besteht meist aus Wurst, Speck, Käse, Brot, aber auch Gurken, Paradeisern und Paprika. Dazu wird massenhaft Tee getrunken, der von manchen mit "Höhlenbärentropfen" gewürzt wird. Auch ein Schlückchen Rotwein (in Südtirol eine heilige Pflicht!) darf man sich genehmigen.

14 Uhr. Wieder am Aussuchtisch. Wegen der vielen Funde, vor allem kleine Knochen und einzelne Zähne, ist hier das Aussuchen eine relativ lustige Arbeit, zumal sehr oft eine angeregte Unterhaltung in Gang kommt. Aber nach einer Stunde kriecht einem langsam die Kälte durch alle Pullover und Overalls. Bei der Schlämmarbeit müssen Kübel geschleppt und schwere Siebe im schlammigen Wasser geschwenkt werden. Eine schweißtreibende Tätigkeit, bei der man von oben bis unten mit Schlamm bespritzt wird.

17 Uhr. Kaffeepause. Der Weg hinaus und wieder herein erwärmt uns mehr als Kaffee oder Tee. Am Nachmittag war ein Gewitter aufgezogen und hat sich auch über den Conturines entladen, in dieser Höhe meist in Form von Schnee. Mit Erstaunen treten wir in eine Winterlandschaft hinaus.

17.30 Uhr bis 20 Uhr. Letzte Tagesschicht, gleiche Tretmühle. Wir freuen uns schon auf das meist köstliche Abendessen, das inzwischen von ein bis zwei Köchen, die schon um 19 Uhr zum Biwak aufgebrochen sind, vorbereitet worden ist.

20.30 Uhr. Heute gibt es Erbsensuppe, Bratwürstel mit Polenta, Gurken- und Krautsalat. Dazu einen prächtigen Südtiroler Rotwein, den uns der Bürgermeister von Enneberg mit anderen Köstlichkeiten heraufgeschickt hat. Der Ausklang des Tages im warmen Biwak ist immer gemütlich und schön.
Draußen ist die Temperatur wegen des Schnees unter den Nullpunkt gefallen. Dann funkeln die Sterne über der Höhen Gaisl besonders hell.

23 Uhr. Das licht- und wärmespendende Aggregat wird abgeschaltet; das Knattern, das den ganzen Tag das Kar erfüllt hat, verebbt. Das ist das Zeichen für die allgemeine Ruhe, die allerdings nur langsam einkehrt.