Blick auf den Schädel des Ursus Speleus
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Vorwort

Die Höhlenbären der Conturines

Guano (fossiler Dohlenmist) aus
der Eingangshalle der Conturineshöhle.
Man erkennt Schneckengehäuse,
Vogelknochen, Wühlmauskiefer,
Samen und Insektenflügel.

Wie die alten Ciantastòries (= ladinische Geschichtenerzähler) will auch dieses Buch von alten Dingen und alten Zeiten berichten.
Aber nicht die Sagenwelt der Dolomiten mit ihren zauberhaften Geschichten von Zwergen und Berggeistern, von mächtigen Königen und stolzen Burgen soll hier behandelt werden, sondern nüchtern-wissenschaftliche Tatsachen, die durch die Entdeckung der Conturineshöhle - im wahrsten Sinne des Wortes - ans Tageslicht kamen.

Die Verbindung zum wunderbarsten Sagenkreis der Dolomiten, zur Fanessage, drängt sich angesichts der Entdeckungsgeschichte, besonders aber der Größe und Pracht des Tropfsteinschmuckes und des Fossilreichtums auf. Die Vermutung, dass die "Alten in grauer Vorzeit" die Höhle und ihr Inneres gekannt und in die Märchen und Sagen eingebaut hätten, ist nicht völlig auszuschließen.

Denn obwohl die Dolomiten im Vergleich zu anderen Kalkgebirgen nur wenig verkarstet sind, spielen Höhlen in den Sagen eine große Rolle. Auch in der Fanessage, die in der unmittelbaren Umgebung der Höhle spielt und den Aufstieg und Fall eines ganzen Volkes zum Inhalt hat, sind Höhlen und Bergwerke von großer Bedeutung, und die Fanesleute sollen ihrem ersten König ein Schloss am Fuß der Conturines erbaut haben.

Für einen tatsächlichen Zusammenhang zwischen Conturineshöhle und Fanessage fehlt derzeit allerdings jeglicher Beweis. Ebenfalls nicht beweisbar, aber wahrscheinlicher ist die Möglichkeit, dass die altsteinzeitlichen Jäger - Zigtausende Jahre früher als die Fanesleute - zur Conturineshöhle hinaufgestiegen sind, um tief im Bergesinneren einen im Winterschlaf liegenden Bären zu überraschen, wie dies von anderen hochalpinen Höhlen durch Funde belegt ist.

Neben dieser interessanten, derzeit nicht lösbaren Frage, gab es für die Grabungen andere wissenschaftliche Fragestellungen.

Es galt zunächst zu klären, unter welchem Klima und in welchem Zeitabschnitt des Eiszeitalters die Höhlenbären die heute so unwirtliche Bergregion bewohnen konnten. Damit eng verbunden ist die Klimageschichte der Alpen und ganz Europas in der jüngeren geologischen Vergangenheit. Ein weiterer interessanter Fragenkreis ergibt sich aus der Erkenntnis, dass die Höhlenbären einer überaus raschen Evolution unterworfen waren, ja als Paradebeispiel der paläontologischen Evolutionsforschung gelten können: Welchem Evolutionsniveau gehören die Conturinesbären an? Wie haben sie gelebt, woraus bestand ihre Nahrung, wo haben sie ihre Jungen aufgezogen? Gab es auch andere Höhlenbewohner?

Einige dieser Fragen konnten durch die Grabungen und die Auswertungen schon geklärt werden, andere tauchten auf und verlangen nach weiteren Forschungen.

Gernot Rabeder