Ladini

index Vorwort Teil 1 Teil 2

Gregor Prugger Rinaldo Cigolla Claus Sorapera Dino Gaspari
Ladins Dles Dolomites "Inant Adum"

Giuseppe Richebuono

DIE LADINER VON 1946 BIS 1996:
DAS STREBEN NACH EINHEIT



Vorgeschichte: Die unheilvolle Dreiteilung
Die Begeisterung des Jahres 1946
Die Enttäuschung der Jahre 1947 und 1948
Vom ersten zum zweiten Autonomiestatut
Andere Versuche der "getrennten Brüder"
Die weitere Entwicklung
Schlußfolgerungen

Vom ersten zum zweiten Autonomiestatut

In der Kommission, welche die Durchführungsbestimmungen erarbeitete, schlugen die italienischen Mitglieder Facchin, Dolzani, Tomasi, Menestrina sogar vor, den Satz einzufügen: Die Ladiner sind ein Teil der italienischen Volksgruppe. Wegen der scharfen Proteste der deutschen Mitglieder Raffeiner, von Breitenberg, Ferrari, und der strengen Kritik der Zeitung "Dolomiten", erklärte endlich Paragraph 69 die (mit Dekret des 30. Juni 1951 in Kraft getretenen) Durchführungsbestimmungen: "Die Sprachgruppen der Provinz Bozen, die im Statut berücksichtigt werden, sind die italienische, die ladinische und die deutsche". Das Wort "Bozen" schloß wiederum die Ladiner unter Trient und Belluno aus den dürftigen Schutzmaßnahmen aus, und sanktionierte die Dreiteilung.
Um der verweigerten politischen Vereinigun abzuhelfen, versuchte man in der Folge, die freiwillige "Union Generela di Ladins dla Dolomites", die mühselig aus der Meraner Union Culturela hervorgegangen war, auszubauen. Ihr traten vor allem Intellektuelle und Idealisten bei, welche die ladinische Sprache und Kultur erforschten und bereicherten und den Zusammenhalt der fünf Täler förderten; die "Generela" verkörperte die ladinische Idee und hörte nie auf, die Einigung der fünf Täler anzustreben. Ihr gelang es aber nicht, das ganze Volk um sich zu sammeln und sich im öffentlichen Leben durchzusetzen, denn sie geriet in Verdacht, von den italienischen Parteien unterstützt zu werden. Trotzdem erwarb die "Generela" große und unbestrittene Verdienste, denn sie ist die einzige Dachvereinigung aller Ladiner, das einzige Bindeglied zwischen den anerkannten und den "getrennten Brüdern" Ladiniens.
Die von der "Generela" nach Rom geschickte Denkschrift wurde ignoriert; aber ihre Leistungen sind beachtlich. Ich erwähne hier nur den Bau der 1954 in St. Ulrich eingeweihten "Cësa di Ladins", die Veranstaltung (bis 1972) sechs internationaler Kongresse mit Beteiligung der Rätoromanen der Schweiz und der Friauler. Die moralische Unterstützung der "ladinischen Verwandten" und der nützliche Ideenaustausch gaben beachtliche Impulse für weitere Initiativen der Generela, die auch (bis 1969) sechs Kulturtage für alle Ladiner organisierte.
Die 1956 in Cortina stattgefundene Winterolympiade fatte für die Einheimischen verderbliche auswirkungen wegen der übertriebenen Bautätigkeit, der zahlreichen Grundstücksverkäufe und vor allem des starken Stroms von Zuwanderern, welche die Ampezzaner Ladiner im eigenen Tal in die Minderheit (40 Prozent) drängten.
Livinallongo und Colle Santa Lucia gehörten der Diözese Brixen seit einem Jahrtausend; deswegen wirkte 1964 die (nicht notwendige) Abtretung ihrer Pfarreien, samt jener Cortinas, an die Diözese Belluno wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Bevölkerung war empört, weil sie so das letzte wichtige Bindeglied mit Südtirol verlor; nun sind die Ladiner auch kirchlich dreigeteilt! (Fassa ist auch kirchlich unter Trient). Als Antwort ersuchten sowohl Buchenstein (mit zwei Gemeindebeschlüssen) wie auch Ampezzo 1964 noch einmal um die Rückführung zur Provinz Bozen, aber wie immer umsonst.
Am 27. Juni 1965 gründete Guido Jori in Canazei wieder eine eigene politische Bewegung. Neben den üblichen Forderungen schlug er im Programm eine autonome Provinz der Dolomiten vor, und im Kommentar schrieb er: "In einer eigenen Provinz vereint, können die Ladiner noch als solche überleben, ihre Sprache und Kultur, ihre Traditionen und Sitten, ihr Folklore erhalten; getrennt sind sie dem langsamen, fortschreitenden Aussterben verurteilt".
Hier gebührt es sich, Guido Jori (1987 gestorben) kurz zu würdigen, weil er sein ganzes Leben und alle seine Kräfte der ladinischen Sache widmete. 27 Jahre lang gab er fast allein das Blatt "Il postiglione" heraus, um seine Landesleute aus der Gleichgültigkeit wachzurütteln und ein breiteres Publikum mit dramatischen Titeln ("Der Kalvarienberg der Ladiner; Ladinische Tragödie; Völkermord; usw.) aufzuklären. Wegen seines ungestümen und polemischen Charakters war er eine unbequeme und umstrittene Person; er hatte aber klare Ideen; das Ziel, das er mit allen Mitteln erreichen wollte, war die Einheit und die Autonomie der Ladiner. 1972 veröffentlichte er den "Protest des ladinischen Volkes", worin er den "Kolonialismus" der Italiener und die von den Ladinern erlittenen Diskriminierungen anprangerte; aber ohne etwas zu erreichen. Die Figur des Guido Jori verkörpert und versinnbildlicht die ladinische Tragödie.
In Folge des internationalen Drucks (Rekurs Österreichs an die Vereinten Nationen), der Großkundgebungen, und auch der Sprengstoffanschläge, kam schließlich 1972 das zweite Autonomiestatut zustande. Wenn jedes Tal getrennt vorgegangen wäre, wenn z.B. die Pusterer die Unterländer als nicht waschechte Südtiroler abgewiesen hätten, wenn die Deutschen, in vielen Gruppen zersplittert, sich fremden Parteien anvertraut hätten, dann hätten sie wahrscheinlich nicht viel erreicht. Aber sie ließen Meinungsverschiedenheiten beiseite, traten mit einer starken Sammelpartei auf und setzten sich so durch.
Wenn die Ladiner diesem guten Beispiel gefolgt wären, hätte man sie nicht ein zweites Mal übergangen. Aber ohne internationale Unterstützung, ohne eigene Sammelpartei, ohne angesehen politische Führer, sich auf fremde Hilfe verlassend, verpaßten sie die gute Gelegenheit. Das "Paket" besserte beachtlich die Lage der Grödner und Badioten, die aus geographischen Gründen Südtirol angehören, bestätigte aber die ungerechte Dreiteilung. Die von den Schutzmaßnahmen ausgeschlossenen Ladiner fühlten sich verraten; unter ihnen breiteten sich Unmut, Entrüstung, Frustration aus.



ALTEA HOMEPAGE Copyright © Altea Software S.r.l. - Bolzano - ITALY