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Giuseppe Richebuono
DIE LADINER VON 1946 BIS 1996:
DAS STREBEN NACH EINHEIT
Vorgeschichte: Die unheilvolle Dreiteilung
Die Begeisterung des Jahres 1946
Die Enttäuschung der Jahre 1947 und 1948
Vom ersten zum zweiten Autonomiestatut
Andere Versuche der "getrennten Brüder"
Die weitere Entwicklung
Schlußfolgerungen
Schlußfolgerungen
Der italienische Staat hat Artikel 6 der Verfassung (Die Republik schützt mit besonderen Bestimmungen die sprachlichen Minderheiten) für die Ladiner nie in die Tat umgesetzt.
Vom Lastwagen transportiert, schreitet di Musikapelle zur Kundgebung
Während 1523 Kaiser Karl der Fünfte seinem Vertreter in Ampezzo befahl, "unsere Untertanen und Lewt ... im Dorff Hayden nicht dringen noch beschweren ... sy bey iren Freyhaiten, alten loblichen Gewohnhaiten ... bleiben lassen", gewähren Rom und Venedig heute den Ladinern von Ampezzo, Buchenstein und Colle Santa Lucia keine Sonderstellung zur Erhaltung ihrer Sprache und Identität.
Die Ladiner haben keine Schutzmacht, an welche sie sich wenden können; sie haben keine Sammelpartei und können deswegen keine eigene Politik betreiben; niemand kümmert sich um Ladinien in seiner Ganzheit. 1989 ist sogar die Berliner Mauer gefallen, nicht aber die Trennungsmauer durch die Dolomiten; Ladinien bleibt weiterhin unnatürlich in zwei Regionen, drei Provinzen und drei Diözesen zergliedert. Heute gibt es folglich hinlänglich geschützte Ladiner erster Klasse (Grödner und Badioten), Ladiner zweiter Klasse (Fassaner, mit weniger Rechten), und völlig schutzlose Ladiner dritter Klasse (Ampezzaner, Buchensteiner, Colleser); das ist eine beleidigende, untragbare Diskriminierung.
Die Ladiner sind auf die demütigenden Almosen der Provinzen angewiesen. Diesbezüglich schreibt Prof. Belardi: "Die Landesregierungen gewähren den Ladinern Beiträge nur für Tätigkeiten 'kultureller und ausbildender Art'. Infolge dieser gesetzlichen Bestimmung dürfen die Ladiner nicht über politische Sachgebiete reden und schreiben! Das ist eine verbliebene Form geistiger Versklavung, ein Galgenstrick-Vertrag. So müssen die Ladiner sich der Ideologie fremder Mehrheitsparteien fügen, deren politische Zielsetzung das Schicksal Ladiniens übergeht."
Die wiederholten Gemeindebeschlüsse, die Memoranden, die oftmaligen Ersuchen einer Volksbefragung usw. haben nichts erreicht; "in den letzten 50 Jahren hat sich der Auflösungsprozeß Ladiniens verschlimmert"; die Zentrifugalkraft scheint über die Zentripetalkraft die Oberhand zu gewinnen. Der verdienstvollen "Generela" fehlen die notwendigen Geldmittel, um durchgreifende Initiativen zu verwirklichen.
Grödner und Badioten sind keineswegs die "besseren" oder echteren Ladiner; sie haben sich erholt, weil sie seit 1972 von den Schutzmaßnahmen des "Pakets" bevorzugt sind. Es ist sehr traurig festzustellen, daß einige, egoistischerweise mit ihrer Lage zufrieden, sich gegen den Eintritt der anderen in eine gemeinsame Territorialeinheit aussprechen und überheblich die "getrennten Brüder" nicht mehr als "unverfälschte Ladiner" betrachten.
In Ladinien häufen sich deutsche und italienische Zeitungen und Zeitschriften; Radio- und TV-Sendungen jeder Art überfluten rund um die Uhr die Erwachsenen und besonders die Kinder und Jugendlichen auf deutsch und italienisch, während die RAI Bozen im Rundfunk 45 Minuten täglich und im Fernsehen eine halbe Stunde wöchentlich ladinisch sendet! Die einzige ladinische Zeitung "La Usc di Ladins" erscheint wöchentlich in geringer Auflage. Um allerlei Bücher für die Schule und die Lektüre billig zu beziehen, brauchen Deutsche und Italiener sie nur zu bestellen; die Ladiner müssen selber ihre Bücher mühevoll verfassen und wegen der niedrigen Auflage teurer bezahlen.
Die Ladiner sind im ganzen etwa 35.000; die Übernachtungen der Touristen jeder Nationalität belaufen sich jährlich auf fast 9.000.000 und zwingen die Einheimischen dauernd fremde Sprachen zu gebrauchen. Der "Ausverkauf der Heimat", die Veräußerung der Grundstücke und der Zweitwohnungen an die Fremden hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Identitätsverlust, die Geldgier, der Zerfall der überlieferten Werte, die Interesselosigkeit gegenüber den Problemen der Gemeinschaft usw. lassen uns wirklich ausrufen: "Unsere Lage ist sehr bedrohlich; das Erlöschen unserer Sprache und Kultur, der Verlust unserer ladinischen Identität stehen bevor." Prof. Belardi warnt vor einem fatalen "kulturellen Selbstmord" der Ladiner.
Noch wenige Jahre ohne Kursänderung und dann wird die Talfahrt zur Entnationalisierung irreversibel werden: Grödner und Badioten werden nur noch deutsch reden, die Fassaner trentinisch, die anderen venezianisch; die Politiker werden mit Befriedigung die Komplikation der lästigen dritten Volksgruppe nicht mehr vorfinden. Die älteste Sprach- und Volksgruppe Südtirols wird zwischen Amboß und Hammer der zwei übermächtigen Nachbarn zermalmt werden; das Vulgärlatein der Alpen, wie durch ein Wunder 2000 Jahre lang bis in unsere Tage weitervererbt, wird als Kuriosität in einigen Geschichtsbüchern Erwähnung finden, ... wenn wir in letzter Minute keine radikale Kursänderung ansteuern.
Grödner und Badioten geben sich einer jämmerlichen Selbsttäuschung hin, wenn sie sich einbilden, allein, ohne die anderen, Ladiner bleiben zu können. Dank dem besseren Schutz werden sie vielleicht einen längeren Todeskampf durchmachen; aber zirka 17.000 Menschen, die schon täglich deutsch hören und praktisch auch sprechen müssen, haben auf die Dauer gegen 300.000 Deutsche (nur in Südtirol) keine Chance. Da sie nur vier Prozent der Provinzbevölkerung ausmachen, werden sie weiterhin nur vier Prozent der Aufmerksamkeit und der Almosen der Landesregierung bekommen. Unter wenigen anderen, hat Dr. Lois Trebo öfters vor der Isolierung gewarnt und klar gesagt, daß Grödner und Badioten allein, von den anderen getrennt, der Entnationalisierung nicht entgehen werden.
Diese traurigen wahrheiten müssen gesagt werden; nicht um die Ladiner zu entmutigen, sondern um ihnen und der öffentlichen Meinung den Ernst der Lage und die absolute Notwendigkeit von radikalen Abhilfen vor Augen zu führen. Sonst werden uns die Feinde vorwerfen: Wer schweigt und sich nicht wehrt, ist mit seiner Lage einverstanden; warum habt ihr das breite Publikum nicht aufgeklärt? Warum habt ihr eure Stimme nicht erhoben und nichts unternommen?
Goethe meinte: "Weder ein Einzelner noch ein Volk soll jemals wähnen, alles sei am Ende. Dem Güterverlust kann man abhelfen; andere Mißgeschicke lindert die Zeit. Nur ein Übel ist unwiderruflich: Wenn ein Volk sich selbst aufgibt." Calliari schreibt: "Sollten die Ladiner eines (schlimmen) Tages die politische und verwaltungsmäßige Dreiteilung als unabwendbar hinnehmen, dann unterschreiben sie ihr Todesurteil als Sprachgruppe. Entweder ist die Ladinität dolomitisch, alle Täler umfassend, oder sie ist verurteilt, unter dem bedrängenden Druck der italienischen Sprache und Kultur einerseits, der deutschen Sprache und Kultur andererseits, zu verschwinden."
Kein Hindernis int unüberwindlich, wenn man es wirklich fortschaffen will; die anfänglichen Opfer, um sich von der ewigen Bevormundung zu befreien, würden schnell belohnt werden. Ich bin überzeugt, daß die Ladiner nicht aufgeben werden, daß sie ein gestärktes Selbstbewußtsein und die Solidarität unter den Tälern wiederfinden werden, daß sie sich den zersetzenden Tendenzen entgegenstellen und für die Zukunft den richtigen Weg einschlagen werden.
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