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Roland Verra
FÜNFZIG JAHRE DANACH:
WAS BLEIBT VOM LADINISCHEN IDEAL?
erste Teil
zweite Teil
dritte Teil
Man sehe nur den Zustand der Kultur in unseren Tälern an: großteils zehrt sie von den umliegenden Großkulturen, was gar nicht nachteilig wäre, wenn man imstande wäre, eine eigene, glaubhafte ladinische Alternative, sozusagen als ergänzung der Vervollkommnung, anzubieten. Die Ansätze dazu sind sehr bescheidend und vermögen nicht, die kreativen Kräfte, die so zahlreich vorhanden wären, richtig zu stimulieren.
Die Musikkapelle von Vigo im Fassatal
Man scheint hierzulande vielmehr traditionalistische Vorhaben, oft folkloristischer Art, fördern zu wollen; aufwendige Prestigeprojekte werden in großer Zahl angeboten, während wohldurchdachte, umfassende Planungen zugunsten der ladinischen Sprache und Kultur fast gänzlich fehlen. Die ladinische Sprache bedarf dingendst einer organischen Ausarbeitung und Förderung, den geistigen Energien unserer Volksgruppe müssen freie Bestätigungsplattformen angeboten werden. Es ist höchst an der Zeit, mit der unwürdigen Farce einer ladinischen Fassadenkultur aufzuhören, die den tatsächlichen Zustand der Marginalisierung unserer Sprache verdeckt! Noch immer muß man unglaubliche Äußerungen aus dem Mund selbsternannter ladinischer Intellektuellen hören, etwa wie: "Man kann ohne weiteres Ladiner sein, auch ohne ladinisch zu sprechen" oder "Die Ladiner haben noch nie eine eigene Kultur besessen" ... Den Schaden den man der eigenen Bevölkerung durch solch unbedachte Bonmots zufügt, schein man wohl nicht zu bedenken, wahrscheinlich, weil man meist unwidersprochen bleibt.
Wenn die Ladiner wirklich ihren Selbstbehauptungswillen, fünfzig Jahre nach der Kundgebung am Sellajoch, bezeugen wollen, so können sie es in allen Lebenslagen und alle Tage, besonders in ihren Familien tun, indem sie sich unmißverständlich zu ihrer Sprache und ihrer Kultur, ohne falsche Minderwertigkeitskomplexe, bekennen. In Anlehnung an eine berühmte Hymne könnte man behaupten, noch sei Ladinien nicht verloren, dennoch, weitere fünfzig Jahre dürfen nicht ohne eine starke gemeinsame Anstrengung für die ladinischen Belange vergehen.
Die erste wesentliche Zielsetzung muß die geistige und kulturelle Einheit der Ladiner sein. Damit würde man allen Befürchtungen bezüglich Grenzverschiebung und Abtrennung eine klare Absage erteilen. Bisher wurde dieses Gespenst ständig zur Verleumdung der ladinischen Bewegung mißbraucht, denn wir wissen ja alle, wie heiß die betreffenden Provinzen "ihre" Ladiner lieben, ohne vielmehr ihre wirtschaftlich Überaus wichtigen Talschaften ...
Das ladinische Ideal soll deshalb dadurch legitimiert werden, daß es von allen Ängsten bezüglich ominöser Grenzverschiebungen befreit wird. Jeder ladinische Bürger hat das unverbrüchliche Recht, gleich in welcher Provinz er lebt, in seiner Identität und in seinen Volksgruppenrechten voll und gleich respektiert zu werden. Diesen Provinzen (bzw. Regionen) obliegt die verfassungsmäßige sowie moralische Pflicht, diese bedrohte Minderheit als Ganzes, und nicht nur sektoriell, zu schützen und zu fördern. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, all jene Organisationen und Vereinigungen anzuerkennen, die sich für die Minderheit als Ganzes einsetzen.
Unter den Ladinern selbst muß auch das Bewußtsein heranreifen, daß jede einzelne Talschaft gleichwertiges Mitglied der ladinischen Gemeinschaft ist; dem Vorurteil, daß es "bessere" oder "minderwertigere" Ladiner gäbe, muß eine klare Absage erteilt werden.
Die koordinierten Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung der ladinischen Sprache und Kultur müssen sich nach den unterschiedlichen Gegebenheiten jedes Tals ausrichten, aber immer im Geiste der gesamtladinischen Solidarität und Zusammenarbeit. Dabei sollen die zuständigen Institutionen verstärkt miteingebunden werden; es ist nämlich auf die Länge untragbar, daß die Hauptlast der interladinischen Zusammenarbeit fast ausschließlich den freiwilligen Vereinen aufgebürdet wird ...
Diese umfassende Aktion soll möglichst alle gesellschaftlichen Bereiche miteinbeziehen: von der Freizeitgestaltung bis zur Sporttätigkeit, von der Kulturförderung bis zum Informationsbereich. Um die Ladiner aus ihrer ungewollten Isolation herauszuführen, müssen verstärkt, Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten angeboten werden, was in einer Zeit des globalen Nachrichtenflusses in real time kein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte. Es geht ganz eindeutig darum, den voneinander getrennten Talschaften ein ladinisches Hinterland zur Verfügung zu stellen.
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