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Roland Verra
FÜNFZIG JAHRE DANACH:
WAS BLEIBT VOM LADINISCHEN IDEAL?
erste Teil
zweite Teil
dritte Teil
In diesem Kontext müssen aktuelle Inhalte und Themen aufgegriffen werden, denn die ladinische Kultur ist noch lange nicht reif fürs Museum.
Die Reden sind beendet, die Musikkapelle spielt, das Volk hofft....
(ohne zu ahnen, daß nach 50 Jahren -1996- der Kundgebung
gedacht wird, jedoch mit geringerer Hoffnung und großer Enttäuschung).
Dies alles setzt einen breiteren Zugang zu den Medien, besonders Rundfunk und Fernsehen, voraus. Die Ideen und Meinungen sollten nämlich in einem viel stärkeren Maße als es heutzutage möglich ist, zwischen den ladinischen Tälern ausgetauscht werden, während gegenwärtig die Ladiner größtenteils passive Konsumenten des Informationsflusses von auswärts sind.
Zur Zeit bemühen sich einzelne Idealisten mit selbstlosem Einsatz, kulturelle Initiativen für die Ladiner zu ermöglichen, doch das reicht bei weitem nicht aus, um ein glaubhaftes konkurrenzfähiges Kulturmodell zu verwirklichen, das der Übermacht der anderssprachigen Massenkultur auch nur einigermaßen gewachsen sein könnte. Der schleichenden Assimilierung im Kulturbereich kann nur damit effizient begegnet werden, daß den Mitgliedern der minderheit verstärkt Gelegenheiten der Begegnung und der Selbstaktivierung, wie Ausstellungen, Festivals, literarische und künstlerische Wettbewerbe, angeboten werden, die ihren Besonderheiten und Möglichkeiten entsprechen.
Doch die unverzichtbare Grundlage all dieser Maßnahmen muß unbedingt die Entwicklung und Vereinheitlichung der ladinischen Sprache sein. Der gegenwärtige Zustand des Ladinischen, das schlichtweg als Gemeinschaft von mehr oder minder anerkannten Idiomen angegeben wird, lastet wie eine schwere Hüpothek auf der Zukunft der gesamten Sprachgruppe. Somit bleibt die soziale und kulturelle Rolle des Ladinischen weiterhin umstritten, solange kein einheitliches Sprachmodell anerkannt wird. Das Traurige daran ist ja, daß ein solches schon längst verfügbar wäre und mit fadenscheinigen Argumenten bekämpft wird. Damit verweigert man aber dem Ladinischen die Anerkennung als gleichwertige Sprache und verdammt es zum Randdasein in der Gesellschaft.
So bald wird sich die Gesamtlage der ladinischen Volksgruppe nicht ändern, obwohl allerseits von Verfassungsreformen und Föderalismus die Rede geht. Wenn aber aus diesem globalen politischen Umgestaltungsprozeß Entwicklungen erwachsen sollten, die den Fortbestand der Minderheit in Frage stellen, wird die ladinische Bevölkerung alles daran setzen müssen, um ihr Recht auf einheitliche Vertretung und territoriale Verwaltung zu etablieren.
Es ist keineswegs die Bestrebung der Ladiner, die Errichtung von ethnisch gekennzeichneten Mikroeinheiten zu forcieren, doch werden sie es entschlossen ablehnen, durch neue Verwaltungseinteilungen noch strikter als bisher voneinander getrennt und in einen noch prekäreren Minderheitenstatus versetzt zu werden. Als untrüglichen Beweis demokratischer Gesinnung wird das Maß ihrer Miteinbeziehung in die Diskussion über institutionelle Reformen gelten müssen.
Gerade deshalb ist es unabdingbar, daß sie bereits heute auch formell, im Rahmen der jetzigen territorialen und administrativen Ordnung, im höchstmöglichen Maße anerkannt werden, denn nur anerkannte Gruppen können politische Verhandlungspartner sein.
In einer solch heiklen Übergangsphase werden die Ladiner besonders darauf achtgeben müssen, nicht für fremde Interessen eingespannt zu werden. Die Anerkennung des Territorialprinzips ist ein Grundpfeiler dieses demokratischen Selbstbehauptungsvorgangs: die fünf ladinischen Dolomitentäler müssen als solche offiziell und definitiv anerkannt werden, unabhänging von Zählungen und Erhebungen, die den Zufälligkeiten des politischen Moments ausgesetzt sind.
Ein anderes wesentliches Prinzip, das in einem echten Minderheitenschutz stets respektiert werden müßte, ist die Wahrnehmung ladinischer Interessen durch die Ladiner selbst. Zumindest sollten keine wichtigen Entscheidungen, die sie betreffen, ohne ihre Mitsprache gefällt werden. Es wäre ohne weiteres möglich, die örtlichen Vertretungen auf allen Ebenen auch auf dem Wege der Delegierung von Kompetenzen seitens der betreffenden Provinzen und Regionen, miteinzubeziehen. Dies geschieht bereits, beispielweise, in einigen Bereichen mit der Talgemeinschaft Fassas. Besonders im Kultursektor müßte dieses Prinzip konsequent angewandt werden; es ist nämlich undenkbar, daß ladinische Kulturpolitik nichtladinischen Gremien übertragen wird.
Die Ladiner brauchen weiterhin die Sicherheit, in ihrem angestammten Gebiet arbeiten und wohnen zu können. Eine gezielte Dezentralisierung wichtiger Einrichtungen und Dienstleistungen, verbunden mit einer durchgreifenden Aktion gegen den Ausverkauf der Heimat und die Immobilienspekulation, könnte, zumindest teilweise, dem stetigen Aderlaß an intellektueller und beruflicher Substanz der Minderheit Einhalt gebieten und die soziale Situation in den Talschaften stabilisieren helfen.
Wir vertrauen auf die demokratische Solidarität der Nachbarn deutscher und italienischer Sprache, damit auch sie der ausgesetzteren und benachteiligteren Minderheit beistehen. Ein Niedergang der Ladiner würde nämlich einer Bankrotterklärung der Autonomiepolitik gleichkommen, ist sie doch auf der Grundlage des Minderheitenschutzes errichtet.
Doch an erster Stelle hängt die Zukunft der Ladiner von den Ladinern selbst ab. Entsagen wir deshalb den kleinlichen Zwistigkeiten und Eifersüchteleien zwischen Tal- und Ortschaften, die den Zusammenhalt unseres Volkes gefährden! Versuchen wir gemeinsam das ladinische Ideal zu beleben, das seit fünfzig Jahren von strukturellen Widerwertigkeiten und von der Kleinmütigkeit der Opportunisten bedroht wird. Wir schulden es all jenen, die in diesen Jahren mit überzeugtem persönlichen Einsatz dafür eingestanden sind; es ist unsere höchste Pflicht vor der Geschichte der Ladiner.
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