Ladini

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Gregor Prugger Rinaldo Cigolla Claus Sorapera Dino Gaspari
Ladins Dles Dolomites "Inant Adum"

Roland Verra

FÜNFZIG JAHRE DANACH:
WAS BLEIBT VOM LADINISCHEN IDEAL?


erste Teil
zweite Teil
dritte Teil


Betrachten wir doch die Photos von einst: Leute aus allen ladinischen Tälern in ihren Trachten bezeugen ihren Willen zur Einheit und zur Bewahrung ihrer Identität in einer Großkundgebung unmittelbar zu Füßen der Bleichen Berge.
Das Bild vermag sogar uns, in der Entfernung eines halben Jahrhunderts zu beeindrucken, obwohl wir jene Ereignisse und die vorausgehenden schrecklichen Erfahrungen des Krieges und der Option nicht miterlebt haben. So fragen wir uns, wie es möglich war, daß ein solchermaßen heimgesuchtes Volk die Kraft ausbrachte, diese Kundgebung der Selbstbehauptung in einem so unsicheren geschichtlichen Moment durchzuführen.
Heutzutage pflegt man die großen Fortschritte des Ladinischen in allen Lebensbereichen hervorzuheben, man versteigt sich sogar zur Aussage, wir befänden uns inmitten einer "ladinischen Renaissance", wobei aber das zunehmende Hinschwinden des ladinischen Ideals bewußt verschwiegen wird. Die Ladiner unserer Tage scheinen sich mit den kleinen Vorteilen, die aus den alltäglichen Kompromissen, aus der passiven Haltung des Stillhaltens und Erduldens erwachsen, zufriedenzugeben. Eine klare, unmißverständliche Haltung in Sachen ladinische Identität ist in all diesen jahren immer seltener geworden.
Der relativ weitverbreitete materielle Wohlstand in diesen Tälern, der aber allein keine Garantie für soziale Gerechtigkeit darstellt, muß irgendwie die offenkundigen Nachteile und Diskriminierungen, denen die Ladiner immer noch ausgesetzt sind, aufwiegen. Besonders die Zersplitterung des ladinischen Gebietes in den Dolomiten unter drei Provinzen und zwei Regionen, wo die Ladiner überdies eine sehr bescheidene Minderheit ausmachen, ist wohl die augenfälligste Ungerechtigkeit, die schweigend hingenommen wird. Jene Ladiner, die immer wieder auf diese Ungereimtheiten in einem demokratischen Modell hinweisen, setzen sich dem Unverständnis, wenn nicht der offenen Feindseligkeit vieler Menschen in Ladinien aus, die anscheinend voll und ganz in eine kleinkarierte Profitlogik hineingewachsen sind, welche droht, die Ladiner zu fremden in ihren eigenen schönen Tälern werden zu lassen.
Die Ladiner von anno ´46 besaßen also in viel höherem Maße das Bewußtsein der Bedrohung ihrer Volksgruppe; kamen sie doch aus tragischen Erfahrungen, die zum Teil ganze Dorfgemeinschaften, wenn nicht sogar Familien, im Zeichen totalitärer Ideologien, entzweit hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien eine glänzende Epoche ewigen Friedens angebrochen zu sein. Die Geschichte hat uns gelehrt, daß jene momentane Euphorie rasch verfliegen sollte, doch die Stimmung jener Jahre bietet auch eine plausible Erklärung für den damaligen hohen Mobilisierungsgrad der Ladiner für die belange ihrer Volksgruppe, was heutzutage in jener Form kaum denkbar wäre.
Gegenwärtig scheint eine merkwürdige Zurückhaltung bei den Ladinern vorzuherrschen; die Wahrnehmung der politischen und kulturennen Interessen der minderheit wird zunehmend professionellen Akteuren übertragen, sogenannten Vollzeitladinern. So wird das Zerrbild weiterhin bestätigt, das die Ladiner als ein in sich gekehrtes, sozial und politisch desinteressiertes Völkchen darstellen beliebt, das unfähig sei, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen.
Bei solchen Voraussetzungen nimmt es nicht wunder, daß auch unter den Ladinern so mancher sich für Ziele einspannen läßt, die dem ladinischen Ideal diametral entgegengesetzt sind. Somit trägt er dazu bei, die Glaubwürdigkeit der gesamten Minderheit zu untergraben. Allzu leichtes Spiel haben dann jene, die sich stets auf die innere Zersplitterung und Zwistigkeit unter den Ladinern berufen, oft um ihre eigene Untätigkeit zu verschleiern.
Das sind die vergifteten früchte einer langanhaltenden geschichtlichen Entwicklung, die zumindest bei der Napoleonischen Aufteilung des ladinischen Territoriums anfing. Mit der Zeit drangen die politisch-administrativen Grenzziehungen immer tiefer in das Bewußtsein der Ladiner ein: die künstlichen Verwaltungsgrenzen wurden nach und nach zu kulturellen und psychologischen Barrieren.
Paradoxerweise muß man heutzutage den Phänomen zusehen, wie die Ladiner immer stärker bestrebt zu sein scheinen, sich gegenüber anderen Sprachgruppen abzugrenzen (was auch gezielte Studien unter ladinischen Jugendlichen beweisen), während das eigentliche Bindeglied der Minderheit, die ladinische Sprache, einem rasanten Verfall preisgegeben wird. Leider scheinen sich viele Ladiner nicht bewußt zu sein, wie reich an interessanten und unvergleichlichen Ausdrücken ihre Sprache ist. Sie geben sich dem Irrglauben hin, das Ladinische sei jenes Kauderwelsch aus ladinischen Brocken und zahlreichen Lehn- und Fremdwörtern zu sein, das sie im Alltag allzu sorglos verwenden. Eine ladinische Realphabetisierung der Ladiner tut also dringend not!

Sinkende Sprachkenntinisse und Nichtachtung der Minderheitenkultur sind auch die Gründe dafür, daß in vielen Familien das Ladinische zugunsten prestigeträchtiger "Brotsprachen" fallengelassen wird.
Gleichzeitig bereitet die stete Abwanderung hochqualifizierter Ladiner aus dem angestammten Gebiet, einen nicht wiedergutzumachenden Aderlaß für die Volksgruppe. Die hauptsächlich touristisch ausgerichtete Wirtschaftsstruktur unserer Täler fördert nicht geradi die intellektuellen Berufe, sodaß Ladinien über kurz oder lang Gefahr läuft, zu einem wirtschaftlichen hochentwickelten, aber kulturell unterentwickelten Gebiet zu werden. Besonders die sozialen Berufe finden in einem sogearteten Modell nicht die gebührende Anerkennung; die Arbeitnehmer mit fixem Einkommen können mit der Miet- und Preisentwicklung kaum mehr Schritt halten. Nebenbei birgt diese Situation die Gefahr in sich, daß die entscheidenden Schaltstellen Ladiniens zunehmen von Nichtladinern besetzt werden ...



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