Blick auf den Schädel des Ursus Speleus
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Hochalpine Höhlenbäre

Die Höhlenbären der Conturines

Becken und Kreuzbein eines Höhlenbären aus der Conturineshöhle.

Die Höhlenbären der Conturines

Der Fund zusammengehöriger Elemente eines Höhlenbärenarmes (Schulterblatt, Oberarmknochen, Elle und Speiche, zwei Mittelhandknochen, zwei Fingerglieder) aus der Kaskadenhalle.

Die Höhlenbären der Conturines
Die Höhlenbären der Conturines

Schädel eines jungen Höhlenbären.
Der vordere Schnauzenteil fehlt, weil die Knochennähte noch offen sind.

Die Höhlenbären der Conturines
Die Höhlenbären der Conturines

Beschädigtes Schulterblatt eines Höhlenbären (oben)
Stark beschädigter Höhlenbärenschädel (unten)

Die Höhlenbären der Conturines

Schädel eines jugendlichen Höhlenbären aus der Conturineshöhle.

Im Jahre 1917 entdeckte der Lehrer Theophil Nigg aus Vättis in der Schweiz, dass das Drachenloch in 2475 Meter Höhe Höhlenbärenreste enthielt. Damit war der Beweis erbracht, dass der Höhlenbär nicht nur die Niederungen, die Mittelgebirge und die Voralpen bewohnt hat, sondern dass er auch im Hochgebirge - weit über die Baumgrenze - sein Winterquartier bezogen hatte.

Die Entdeckung blieb zunächst nur eine lokale Sensation; erst die Grabungen in den Jahren 1917 bis 1923 durch Emil Bächler und Theophil Nigg und die ersten Grabungsberichte ließen die Fachwelt aufhorchen. Die Tatsache von hochalpinen Höhlenbären passte gut in die sich in dieser Zeit allmählich durchsetzende Eiszeitgliederung durch A. Penck. Die Höhlenbären des Drachenlochs wurden zeitlich der letzten Zwischeneiszeit, dem Riß-Würm-Interglazial, zugeordnet.

Wenige Jahre später wurde auch in Österreich eine Bärenhöhle entdeckt, die weit über der Baumgrenze - ja an der Grenze des Gletscherbereiches lag: die Schreiberwandhöhle in 2200 Meter Höhe im Dachsteingebiet. Kurt Ehrenberg, der die Grabungen leitete und die geborgenen Höhlenbärenreste untersuchte, stellte als erster fest, dass die Höhlenbären aus dieser Dachsteinhöhle kleiner und primitiver waren; er nannte diesen Hochgebirgsbären "hochalpine Kleinform der Höhlenbären" und spürte ihm auch in anderen hochgelegenen Fundstellen nach, vor allem in der Salzofenhöhle (2005 m) im Toten Gebirge.

Die geringe Größe der hochalpinen Bären wurde meist als Anpassung an das Hochgebirge gedeutet; die kurze Vegetationszeit der Gebirgslagen verhinderte die Riesenformen des Tieflandes. Über die zeitliche Stellung der Hochgebirgsbären wurde ergebnislos diskutiert; gehören sie in das Riß-Würm-Interglazial oder in eine Wärmeschwankung (Interstadial) der Würm-Kaltzeit? Der von K. Ehrenberg beschriebenen Primitivität, die die Hochgebirgshöhlenbären im Gebiss aufweisen, wurde nicht weiter nachgegangen.

Mit diesem Kenntnisstand war ich konfrontiert, als ich im Jahre 1982 daranging, die Höhlenbärenreste aus der Ramesch-Knochenhöhle einer ersten Sichtung und Vermessung zu unterziehen. Die Rameschhöhle liegt im östlichen Toten Gebirge in 1960 Meter Höhe. Ihr Haupteingang öffnet sich in der senkrechten Nordwand des Ramesch und hat dadurch eine klimatisch sehr ungünstige Lage. Kein Sonnenstrahl erreicht das Eingangsportal - auch nicht im Hochsommer.

Das weite Schutt- und Felskar unterhalb der Höhle würde mit seiner kargen Vegetation heute keine Nahrungsgrundlage des Höhlenbären bilden. Auch die durchziehenden Gemsen verweilen hier nur kurz, um einige Gräser abzurupfen. Die dem Höhlenbären adäquate Nahrung finden wir heute erst 300 bis 400 Meter tiefer. Als wir im Sommer 1979 mit der Grabung (im Auftrag des Oberösterreichischen Landesmuseums) begonnen hatten, waren wir daher der Meinung, dass die Höhlenbären der Rameschhöhle aus einer Warmzeit, also einem Interglazial, stammen müssten. Wie groß war aber die Überraschung, als die ersten absoluten Uran-Serien-Daten Werte zwischen 60.000 und 30.000 Jahren erbrachten. Als diese Zahlen durch die 14C-Methode bestätigt wurden, stand fest: Die Höhlenbären konnten auch mitten im Würm, d.h. in einer Wärmeschwankung der letzten Kaltzeit, das Hochgebirge bewohnen!

Tatsächlich waren die Rameschbären deutlich kleiner als die etwa gleich alten Höhlenbären des Tieflandes, sie gehören also auch der "hochalpinen Kleinform" an. Auch die geringe Evolutionshöhe vor allem im Gebiss entspricht den von K. Ehrenberg erzielten Ergebnissen. Der Schluss, der daraus zu ziehen ist, lautet: In einer Wärmeschwankung der Würm-Zeit, etwa zwischen 65.000 und 30.000 Jahren, war das Klima der Ostalpen so günstig, dass ein relativ kleiner, im Gebiss etwas primitiver Höhlenbär die Hochgebirgsregionen bewohnen konnte.

Auch die Höhlenbären der Conturineshöhle sind viel kleiner als der Tieflandbär; sie gehören also auch der "hochalpinen Kleinform" an. Die Frage, ob diese Höhlenbären der Hochgebirge untereinander näher verwandt sind, lässt sich nach den bisher vorliegenden Daten nicht beantworten. In der Kartenskizze der Abb. 20 sind die bis heute bekannten Fundpunkte dieser hochalpinen Kleinform eingetragen. In zwei voneinander räumlich weit entfernten Fundgebieten sind die hochalpinen Bärenhöhlen konzentriert: in der Ostschweiz (Zu den von Emil Bächler genau beschriebenen Höhlen Wildkirchli, Wildenmannlisloch und Drachenloch gesellen sich die Sulzfluhhöhlen, wo derzeit gegraben wird) und in den östlichen Plateaugebirgen der österreichischen Kalkalpen (Steinernes Meer, Dachsteingebirge, Totes Gebirge, Gesäuse-Berge).

Das Vorkommen in der Conturineshöhle liegt derzeit geographisch ganz isoliert.
Zur Erklärung dieses Verbreitungsmusters bieten sich zwei Möglichkeiten an:

- Entweder gehören die hochalpinen Höhlenbären einer eigenständigen Unterart oder Art an, die über die östlichen Alpen verbreitet war und sich von der Tieflandform durch kleiner Dimensionen und eine langsamer verlaufende Evolution des Gebisses unterschied,

- oder die hochalpine Kleinform entstand mehrmals an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zeiträumen aus den Tieflandbären

- nur dann, wenn eine Warmzeit ein Leben im Hochgebirge zuließ.

Die zweite Möglichkeit halten wir heute für die wahrscheinlichere. Weiter Grabungen und Daten sollen diese interessante Frage klären helfen.